Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Wenn man sein Ziel kennt, so gibt das Festigkeit. Festigkeit führt zur Ruhe. Die Ruhe allein führt zum inneren Frieden. Der innere Friede allein ermöglicht ernstes und besonnenes Nachdenken.

Ernstes und besonnenes Nachdenken allein führt zum Gelingen (Laotse)

Personalprüfung auf dem Bahnhof R-B. im Jahr 1983
Mein Praktikum war abgebrochen worden, als auf dem Containerbahnhof St. der Vorsteher erkrankte. Ohne die Zustimmung des Präsidenten einzuholen wurde ich vom Amtsvorstand als Leiter des Bahnhofs eingesetzt. Ein Abteilungsleiter der Reichsbahndirektion sagte mir: „Genosse Meran, jetzt können Sie auf der Schule erworbenes Wissen anwenden. Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder Sie bekommen einen Orden oder Sie kommen in den Knast!" Ich versagte. Kam aber nicht in den Knast, sondern musste mir eine andere Arbeit suchen!
Die Beschäftigten hatten, wie ich durch Zufall erfuhr, Wetten abgeschlossen wie lange ich mich halten würde. Ich scheiterte einfach daran, dass es wie so oft, kein eindeutiges Konzept gab. Die Staatsführung bestand darauf, dass ein Containerbahnhof von heute auf jetzt aufgebaut werden musste. Zuerst war ein anderer Bahnhof vorgesehen. Dort stellte man aber schnell fest, dass die schmale Ladestraße als Zufahrt für das Containergleis ungeeignet war. Der Untergrund der über einhundert Jahre alten Ladestraße sackte ein. Also musste ein anderer Bahnhof her. Geplant war ein Portalkran. Gearbeitet wurde aber mit einem Autodrehkran. Ausgebildetes Personal gab es auch nicht. Man stellte einfach von der Straße ein, was zu bekommen war. Da gab es eine richtige organisierte Gang! Ich freundete mich mit dem Gangsterboss mit dem Ergebnis an, dass er meine "Arbeitsvorschläge" akzeptierte. Dem Leiter des Containerdienstes zeigte er die "kalte Schulter!" Bei Sturm durfte nicht be- und entladen werden, da dann der Autodrehkran ins Schwanken kam. Bei einem besonders starken Sturm ließ ich die Be- und Entladearbeiten einstellen. Der Genosse Präsident war der Meinung, dass in Windpausen hätte gearbeitet werden können. Auf meine Gegenfrage, was passiert wäre, wenn der Kran mit dem angehobenen Container umgekippt wäre, sagte der Präsident, dann haben sie unverantwortlich die Windpause schlecht eingeschätzt und würden bestraft. Glücklicherweise meldete sich der eigentliche Vorsteher gesund, ehe ich wieder eins auf den Hut bekam.
Mein Praktikum wurde nicht fortgesetzt. Ich bekam von der Kaderleiterin des Reichsbahnamtes drei Adressen, für Bahnhöfe die Gruppenleiter Betrieb benötigten und den Auftrag mir Arbeit zu suchen.
Zuerst suchte ich den Bahnhof Sch. auf. Dieser Bahnhof war unter dem Nicknamen „SED-Bahnhof“ – selten eine Durchfahrt – bekannt. Der Vorsteher verstand gar nicht, was ich dort wollte. Er hatte einen Gruppenleiter Betrieb, der wiederum nicht wusste, dass er weg wollte. Ich wurde rausgeworfen. Auf meine Beschwerde bei der Kaderleiterin des Reichsbahnamtes meinte diese erstaunt: "Aber Genosse Meran, woher sollte ich wissen, dass sie gleich den Bahnhof aufsuchen würden?" Voreiligkeit tut selten gut. Wäre ich einfach zu Hause geblieben, hätte ich bei dem Durcheinander vielleicht mein Gehalt ohne zu arbeiten weiter bekommen.
Ich versuchte es beim Bahnhof R.-B. Hier wurde ich freundlich empfangen und nicht wieder weggelassen. Es gab seit zwei Jahren keinen Gruppenleiter Betrieb mehr!
Allerdings hatte ich nun eine Ausbleibezeit von vierzehn Stunden und bei anstehenden Wochenendkontrollen lohnte sich da Heimfahren nicht, so dass ich aller zwei Wochen meine Sonntage auf dem Bahnhof verbringen musste.
Etwas Aufregendes gab es nicht, außer, dass ich mich mit der Verkehrsaufsicht und der Gruppenleiterin Güterverkehr anlegte, die alle Neuerungen, alles was jünger als hundert Jahre war, ablehnten. Alle Beschäftigten und die Funktionäre des Kreises beäugten mich misstrauisch. Sie konnten nicht begreifen, dass ich ohne in der SED zu sein, Gruppenleiter geworden war!
Jeder Betriebs- und Verkehrseisenbahner der Deutschen Reichsbahn wurde wöchentlich einmal kontrolliert und belehrt. Dienstferngespräche (ua. Zugmeldungen) wurden mitgehört. Beschäftigte des Stellwerkdienstes mussten einmal im Jahr eine schriftliche Prüfung ablegen. Da das Niveau der im Rangierdienst beschäftigten oft nicht besonders hoch war, wurden diese mündlich geprüft. Das Verkehrsministerium wertete Unregelmäßigkeiten und Bahnbetriebsunfälle jährlich aus. Legte Schwerpunkte fest und bestimmte, welche Themen in der betrieblichen Weiterbildung unterrichtet und bei den Prüfungen behandelt werden sollten. Jede Reichsbahndirektion schlüsselte die Vorgaben auf das Territorium auf und gab die Kriterien an die Reichsbahnämter weiter. Vom zuständigen Reichsbahnamt erhielten die Bahnhöfe die Fragenkomplexe.
In der Fahrdienstvorschrift gab es im Anhang einen Teil in dem für die einzelnen Berufsgruppen der Betriebseisenbahner das Grundwissen geregelt war. Was musste wer unbedingt wissen. Dazu kamen die örtlichen im Bahnhofsbuch auf der Grundlage der Fahrdienstvorschrift festgelegten Bestimmungen.
Auf dem Bahnhof R.-B. gab es ein Befehlstellwerk, zwei Wärterstellwerke und eine Blockstelle war unterstellt. Dazu kamen die Rangiermeister, Rangierleiter, Rangierer und Zugfertigsteller. Entsprechend der vorgegebenen Komplexe und den örtlichen Regelungen erarbeitete ich die Fragen die zu stellen waren.
Zu Beginn der schriftlichen Prüfung sammelte ich die Vorschriften ein, die die Beschäftigten mitgebracht hatten. Sie wollten diese unbedingt behalten, um nachsehen zu können. Ich stellte klar, dass es sich um Grundwissen handelte und es ein Nachsehen nicht geben konnte.
Das Gesamtergebnis war verheerend. Damals gab es noch Punkte und die Zensuren von 1 – 5. Unverständlich war, dass eine 4 immer noch bestanden bedeutete. Später gab zwar Punkte, aber keine Zensuren, sondern nur noch bestanden oder nicht bestanden. Bei Nicht bestanden kam eine Nachprüfung und wenn da die Kenntnisse immer noch nicht ausreichend waren, durften diese Beschäftigten einen Qualifizierungslehrgang belegen, falls sie nicht flatterten.
Vier der fünf Fahrdienstleiter hatten vieren. Bei den Wärtern sah es noch böser aus! Vier der Blockwärter hatten keine Fahrdienstleiterprüfung!
Wer hatte SCHULD an dem schlechten Ergebnis? Ich! Die Beschäftigten beschwerten sich beim Vorsteher und der Parteisekretär und der FDJ-Vorsitzende beim Reichsbahnamt. Außerdem alle zusammen bei der Kreisleitung der SED! 

Einige Jahre später, auf dem Bahnhof Pi in Mecklenburg, er ging es mir ähnlich. Da waren allerdings pro Schicht vier Fahrdienstleiter beschäftigt. Die dortigen Eisenbahner richteten sich noch nach den Fahrdienstvorschriften der Friedrich Franz Eisenbahn. Einer der Fahrdienstleiter fiel erst durch die schriftliche Prüfung und dann durch die ohne mein Wissen von der Dienstreglerin eingerührte Nachprüfung. Dort machte sowieso jeder was er wollte und nicht was er sollte. Ich nahm mich seiner besonders an. Leute die noch dämlicher waren, als ich, förderte ich besonders. Als die Prüfung vor der hohen Fahrdienstleiterkommission der  Reichsbahndirektion angesetzt worden war, begab ich mich zum Prüfungsort, dem Reichsbahnamt R. Ich hatte  ein dringliches Problem, was ich dem Amtsvorstand, der mir eigentlich nichts anging, vortragen wollte. Er war etwas grämlich, da  die Nachprüfung angesetzt war. Ich versicherte ihm, dass ich nicht stören wollte und blieb einfach da. Einen Reichsbahn-Oberamtmann wirft man nicht so ohne weiteres raus. Der Vorsitzende der hohen Kommission hatte nichts gegen meine Anwesenheit. Ich „übersetzte“ die Kommissionsfragen dem Prüfling und stellte selbst einige. Bei der Auswertung konnten sich der Prüfungsvorsitzende und der Amtsvorstand gar nicht genug darüber wundern, dass eine Nachprüfung angesetzt worden war: „Der Fahrdienstleiter weiß doch alles. Er hat gute Kenntnisse! Warum sind wir eigentlich hier?“ Dann gratulierten sie mir zu meiner guten Leitungstätigkeit und meinem Einsatz für die Beschäftigten. Ein paar Tage später wurde ich zum Vorsitzenden der Facharbeiterprüfungskommission, zum Leiter der Erwachsenenqualifizierung und zum nebenberuflichen Lehrer an der Außenstelle der Eisenbahn-Ing. Schule berufen!

Bei den vorhergegangenen Dienstunterrichten der betrieblichen Weiterbildung und den Dienstpostenkontrollen hatte ich schon mangelndes Grundwissen festgestellt und in den Dienstpostenkontrollbüchern dokumentiert. Jedes Mal bekam ich eine Ermahnung vom Vorsteher. Durch Zufall bekam ich heraus, dass mein Vorgänger sich nie um die Vorgaben des Reichbahnamtes gekümmert hatte und die Beschäftigten jedes Jahr die gleichen Fragen bekamen und deshalb alle immer mit „sehr gut“ abgeschnitten hatten!
Ein halbes Jahr nach der Prüfung hatte ich eine Art Genugtuung, auf die ich gern verzichtet hätte. Zwei Bahnbetriebsunfälle! Die schuldigen Eisenbahner hatten völlig unvorschriftsmäßig und fahrlässig gehandelt. Wer war schuld: Ich! Aber, ich konnte schriftlich nachweisen, dass ich alles getan hatte, um Wissen zu vermitteln und die erforderliche Sicherheit einzuhalten.
Entgegen dem Willen des Vorstehers setzte ich den schuldigen Fahrdienstleiter ab und als Stellwerkswärter auf Bewährung ein. Abgesehen von dem Unwillen meines Vorstehers bekam ich eine Kritik von der Kreisleitung der SED. Kurze Zeit später passierte wieder ein Bahnbetriebsunfall, der aber zu Lasten der Technik ging. Allerdings stellte sich der abgesetzte Fahrdienstleiter so dämlich an, dass ich entsetzt war. Der Vorsteher bekam „Erholungsurlaub“ in dem er auf einen Umschlaggrenzbahnhof delegiert wurde. Dadurch avancierte ich zum Entsetzen der SED-Kreisleitung zum Bahnhofsvorsteher auf Zeit.
Bei einem „Besuch“ der Reichsbahndirektion begegnete ich einem meiner ehemaligen Lehrlinge, der in Zivil war. Gesprächsweise klagte ich ihm mein Leid mit dem mistigen Bahnhof. Ich bekam eine Einladung ins benachbarte Reichsbahnamt und eine Stelle als Vorsteher des Bahnhofs Sd. angeboten. Der ehemalige Lehrling war Mitarbeiter der Politabteilung und regelte gleich mein Verhältnis mit der Kreisleitung der SED. Die Genossen boten mir zweierlei an. Erstens eine Beförderung zum Abteilungsleiter Betrieb des Bahnhof R.-B. und zweitens eine Wohnung. Ich lehnte großzügig ab. Erstens gab es auf dem Bahnhof gar keine Planstelle als Abteilungsleiter und zweitens gab mir das Angebot zu denken!

Kurt Meran von Meranien 10.06.2017

*

 

T

T

T



 

*

Cookie-Mitteilung:
Diese Website verwendet unter Umständen nicht wesentliche Cookies ohne aktive Mitwirkung des Seitenbetreibers/Seiteninhabers. Nicht wesentliche Cookies sind Cookies, die nicht für die korrekte Funktionsweise der Website erforderlich sind. Solche Cookies können beispielsweise jene aus Analytik-, Werbe- und Affiliate-Netzwerken wie Google Analytics und Google AdSense sein. Der Provider verlangt, dass User nicht nur unterrichtet werden (Deutsches Recht), sondern auch die Möglichkeit zur Zustimmung haben. Cookies dürfen nur mit Zustimmung des Nutzers gesetzt werden! Klicken Sie im Pop-up auf "X", werden Sie vom Provider zu Google umgeleitet. Der Seitenbetreiber / Inhaber arbeitet nicht mit  Google Analytics und Google AdSense zusammen. Wie Cookies gelöscht werden, erfahren SIE bei Ihrem Browser.

Cookie-Regelung

Diese Website verwendet Cookies, zum Speichern von Informationen auf Ihrem Computer.

Stimmen Sie dem zu?